Ein Begriff, viele Missverständnisse
„Kaltgepresst" klingt simpel. Aber in der Praxis wird der Begriff nicht immer einheitlich verwendet – und im Supermarkt steht er manchmal auf Flaschen, bei denen man zweimal hinschauen sollte. Daher hier eine ehrliche Erklärung, was hinter dem Begriff steckt.
Was beim Pressen passiert
Beim Kaltpressen werden Saaten – bei uns Leinsaat, Leindottersaat oder Schwarzkümmelsaat – mechanisch unter Druck gesetzt. Das Öl tritt aus dem Saatgut aus, ohne dass Lösungsmittel oder externe Wärmequellen zum Einsatz kommen.
Das klingt selbstverständlich, ist es aber nicht. Bei der industriellen Ölherstellung wird oft mit Hexan extrahiert (einem chemischen Lösungsmittel) und das Öl danach auf über 200 °C erhitzt, um Geruch, Farbe und Geschmack zu neutralisieren – das Ergebnis nennt sich raffiniertes Öl. Es sieht gleichmäßig aus, riecht nach nichts und ist monatelang haltbar. Aber es hat mit dem ursprünglichen Samen kaum noch etwas gemein.
Die Temperatur ist entscheidend
Beim mechanischen Pressen entsteht durch Reibung automatisch Wärme. Das lässt sich physikalisch nicht ganz vermeiden. Der Unterschied liegt im wie viel:
- Schonende Kaltpressung – so wie bei mir – erhält empfindliche Fettsäuren, natürliche Antioxidantien und sekundäre Pflanzenstoffe weitgehend.
- Über 60–80 °C – wie bei manchen maschinellen Schnellpressen – beginnen mehrfach ungesättigte Fettsäuren zu oxidieren und hitzeempfindliche Begleitstoffe abzubauen.
- Über 200 °C – wie bei der Raffination – ist das Öl chemisch ein anderes Produkt.
Ich kontrolliere die Temperatur während des gesamten Pressvorgangs und presse langsam. Das dauert länger, aber das Öl bleibt, was es sein soll: ein Naturprodukt.
Was „kaltgepresst" laut EU-Recht bedeutet
Hier lohnt sich ein genauerer Blick, denn der Begriff ist nicht für alle Öle gleich gesetzlich definiert.
Für Olivenöl legt die EU klare Regeln fest: Die europäische Marktordnung (Verordnung (EU) Nr. 1308/2013, Anhang VII, Teil VIII) schreibt vor, dass natives Olivenöl extra ausschließlich durch mechanische Verfahren bei maximal 27 °C gewonnen werden darf. Das ist gesetzlich verbindlich und kontrolliert.
Für andere Pflanzenöle – darunter Leinöl, Leindotteröl und Schwarzkümmelöl – gibt es hingegen keine entsprechende EU-weite gesetzliche Temperaturobergrenze. Der Begriff „kaltgepresst" auf diesen Produkten stützt sich auf das allgemeine Täuschungsverbot im Lebensmittelrecht sowie auf die Leitsätze des Deutschen Lebensmittelbuchs, die eine Herstellung ohne externe Wärmezufuhr beschreiben. Als Orientierungswert der Branche gilt häufig eine Presstemperatur von höchstens 40 bis 60 °C, je nach Saatgut und Pressdruck.
Das bedeutet im Klartext: Bei Olivenöl schützt dich das EU-Recht. Bei anderen Ölen kommt es auf die Transparenz des Herstellers an. Deshalb lohnt es sich zu fragen: Wie hoch ist die tatsächliche Presstemperatur? Produziert der Hersteller bedarfsorientiert oder auf Vorrat? Wie alt ist das Öl, wenn es ankommt?
Warum ich das so mache
Ich presse ohne Wärmezufuhr, bedarfsorientiert, ohne Filterung und direkt in UV-geschützte Braunglasflaschen. Nicht weil es die einfachste Methode ist – sondern weil es die ehrlichste ist. Das Öl, das du bekommst, soll so nah wie möglich an dem sein, was in der Saat steckt.
Kein Geheimnis, kein Marketing. Nur Druck, Zeit und eine sorgfältige Temperaturkontrolle.
Fazit
Kaltgepresst bedeutet nicht dasselbe überall. Wer genau hinschaut – Presstemperatur, Frische, Abfüllung – erkennt den Unterschied. Bei Aliana Kernkraft presse ich ohne Wärmezufuhr, bedarfsorientiert und direkt in Braunglasflaschen. Was du bekommst, ist das, was in der Saat steckt.
Wenn dich interessiert, welches Öl am besten zu dir passt, schau gerne beim Öl-Finder vorbei – oder direkt bei den Produkten. Passende Rezepte mit kaltgepressten Ölen findest du außerdem in der Rezeptsammlung.
Quellen und Grundlagen
Die Aussagen in diesem Artikel stützen sich auf folgende Grundlagen:
- Verordnung (EU) Nr. 1308/2013 des Europäischen Parlaments und des Rates über eine gemeinsame Marktorganisation für Agrarerzeugnisse – Anhang VII, Teil VIII (Olivenöl-Definitionen)
- Leitsätze für Speisefette und Speiseöle des Deutschen Lebensmittelbuchs (Bundesministerium für Ernährung und Landwirtschaft)
- Verordnung (EG) Nr. 1881/2006 – Höchstgehalte für Lösungsmittelrückstände in Lebensmitteln
- UFOP-Praxisinformation zu kaltgepressten Ölen (Union zur Förderung von Oel- und Proteinpflanzen e. V.)